Nachbarschaftshelfer boomen – doch viele Berechtigte verzichten auf Unterstützung
Pavel FaustNachbarschaftshilfe wächst in Sachsen-Anhalt - Nachbarschaftshelfer boomen – doch viele Berechtigte verzichten auf Unterstützung
Immer mehr Deutsche greifen auf Nachbarschaftshelfer zurück, um Unterstützung im Alltag zu erhalten. Diese Ehrenamtlichen helfen bei Besorgungen, Haushaltsaufgaben oder Behördengängen – finanziert durch ein monatliches Entlastungsgeld von bis zu 131 Euro. Doch trotz steigender Nachfrage verzichten noch immer viele Berechtigte auf die Leistung.
Seit dem Start des Programms im Jahr 2023 ist die Zahl der Nutzer stark gestiegen – von 299 auf 1.814. Dennoch erhalten Tausende aufgrund von Scham oder mangelnder Aufklärung keine Hilfe, obwohl sie Anspruch darauf hätten.
Nachbarschaftshelfer leisten praktische Unterstützung für Menschen, die im Alltag an ihre Grenzen stoßen. Sie erledigen Einkäufe, putzen Wohnungen oder begleiten andere zu Arztterminen und Ämtern. Für viele ist diese Hilfe ein unverzichtbarer Rückhalt.
Kerstin Kränzel, eine 60-jährige Freiwillige aus Ostdeutschland, verbringt jede Woche Zeit mit einer älteren Dame mit eingeschränkter Mobilität, um gemeinsam einzukaufen. Ihre Motivation speist sich aus ihren Erfahrungen in der DDR, wo Nachbarn wie Familie zusammenhielten. Solche Verbindungen hält sie auch heute für unverzichtbar.
Allein in Sachsen-Anhalt haben sich über 4.000 Menschen zu Helfern ausbilden lassen und registrieren lassen. Bundesweit nutzten jedoch im vergangenen Jahr nur 56,7 Prozent der 103.000 anspruchsberechtigten Versicherten das Entlastungsgeld. Viele scheuen den Antrag aus Angst vor Stigmatisierung oder dem Gefühl, als abhängig abgestempelt zu werden.
Stefanie Hamacher, eine weitere Ehrenamtliche, sieht ihre Aufgabe als mehr als nur praktische Hilfe. Sie betont, dass geteilte Erlebnisse und zwischenmenschliche Nähe Gemeinschaften stärken. Sowohl sie als auch Kränzel sind überzeugt: Das Programm löst nicht nur Probleme – es schafft Verbindungen.
Obwohl die genaue Zahl aktiver Helfer in ganz Deutschland unklar bleibt, gewinnt das Programm vor allem in Bundesländern wie Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg und Nordrhein-Westfalen an Fahrt. Informelle Unterstützungsnetzwerke wachsen, doch Hindernisse bremsen eine flächendeckende Nutzung.
Das Nachbarschaftshelfer-Programm expandiert weiter, Tausende sind bereits für den Einsatz geschult. Doch da weniger als 60 Prozent der Berechtigten das Entlastungsgeld beziehen, bleiben Herausforderungen bestehen.
Mit gezielten Maßnahmen gegen Vorurteile und für mehr Aufklärung könnten noch mehr Menschen von der Hilfe profitieren. Bis dahin halten Freiwillige wie Kränzel und Hamacher ihre Gemeinschaften am Laufen – eine Besorgung, ein Gespräch nach dem anderen.