28 March 2026, 18:14

Kratzers provokante Staatsoper-Inszenierung spaltet und begeistert das Publikum

Ein Buch mit dem Titel 'The Theatre: A Monthly Review of the Drama, Music, and the Fine Arts' ist aufgeschlagen und zeigt Text und ein Logo.

Kratzers provokante Staatsoper-Inszenierung spaltet und begeistert das Publikum

Die Hamburger Staatsoper hat mit einer mutigen Neuinszenierung von Das Paradies und die Peri aufhorchen lassen – unter der Regie ihres neu berufenen Intendanten Tobias Kratzer. Das Oratorium, basierend auf einer orientalischen Erzählung aus Thomas Moores Lalla Rookh, wurde mit provokanten zeitgenössischen Themen neu interpretiert. Kratzers Inszenierung verbindet drastische Bühnenbilder mit gesellschaftskritischem Kommentar und hinterlässt ein gespaltenes, aber fasziniertes Publikum.

Robert Schumann und Emil Flechsig adaptierten Moores Geschichte bereits in den 1840er-Jahren zu einem Oratorium, das Themen wie Krieg, Pest und generationenübergreifende Verantwortung verknüpft. Kratzer jedoch überträgt diese Motive radikal in die Gegenwart: Die Bühne wird zum Schlachtfeld, auf dem ein weißer Hetzer einfache Menschen in Konflikte treibt, während ein schwarzer Mann, der sich widersetzen will, gewaltsam getötet wird – sein Tod überzieht die Protagonistin Peri mit Blut.

Der dritte Akt rückt die Klimakrise in den Fokus: Kinder spielen unter einer Kuppel, die von Smog erstickt wird. Die Inszenierung setzt auf schonungslose Körperlichkeit – Keuchen, Erbrechen und Defäkation werden durch Pantomime und Geräusche dargestellt – und verdeutlicht so das Leid, das mit ökologischem Kollaps und Ungleichheit einhergeht. Kratzer bricht immer wieder die vierte Wand, zieht das Publikum durch Licht und Kameraschwenks direkt ins Geschehen hinein.

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In einem Schlüsselmoment öffnet Peris Mitgefühl die "Perlentore" – symbolisiert durch eine Bühnentür –, doch sie schmettert im nächsten Moment wütend ein Notenpult zu Boden. Die Sängerin Vera-Lotte Boecker, die Peri verkörpert, steigt sogar ins Parkett hinab und setzt sich neben eine weinende Zuschauerin – die Grenze zwischen Darstellerin und Publikum verschwimmt.

Die Premiere löste gemischte, letztlich aber begeisterte Reaktionen aus. Während einige Besucher buhten, brandete vor allem jubelnder Applaus auf, der Kratzers kühne Vision für die Hamburger Staatsoper feierte.

Kratzers Das Paradies und die Peri verbindet Musik des 19. Jahrhunderts mit drängenden Gegenwartsthemen – von rassistischer Gewalt bis zur ökologischen Katastrophe. Die schonungslose Körperlichkeit und die direkte Einbindung des Publikums setzen einen provokanten Akzent für seine Intendanz. Mit dieser Premiere zeigt die Hamburger Staatsoper, dass sie Kunst fördert, die herausfordert statt zu beschwichtigen.

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